Sie hießen mal Grünebaun und Schwerin. Dann mussten sie vor den Nazis in die USA fliehen. Als Mitglieder der Familien Gray und Sherwin sind sie in diesem Sommer zurückgekommen, um dabei zu sein, als das Kaufhaus, das bis 1936 der Familie gehörte, in „Haus Grünebaum“ benannt wurde. Im Gespräch mit „dasgeht.jetzt“ sprechen Peter, Tony und Steve Gray sowie Leslie Byrd darüber, wie ihre Vorfahren und sie selbst mit der Familiengeschichte und dem Verlust leben. Das Interview fand in einem Café im Erdgeschoss des ehemaligen Kaufhauses statt.
Text: Karl-Martin Flüter

Peter, Steve und Tony Gray (von links) und Leslie Byrd vor dem ehemaligen Familienbesitz, dem Kaufhaus „Steinberg & Grünebaum“
Foto: Flüter
Die Gesprächspartner
Peter Gray ist der Sohn von Ludwig und Lilli Gray (Grünebaum). Ludwig war der letzte Inhaber des Kaufhauses, bevor er in die USA fliehen musste. Der einjährige Peter folgte mit seiner Mutter Lilli im Jahr 1939.
Leslie Byrd ist die Tochter von Susanne Schwerin und Milton Byrd.
Tony und Steve Gray sind Söhne von Fritz Walter Gray, Bruder von Ludwig Grünebaum.
Peter Gray, Sie sind 1938 in Deutschland zur Welt gekommen und mit ihrer Mutter Lilli ein Jahr später in die USA geflohen. Ihr Vater war Ludwig Grünebaum, später Gray. Er war der letzte Inhaber von „Steinberg & Grünebaum“, dem größten Paderboner Kaufhaus zu jener Zeit. War Paderborn, das Kaufhaus und die Flucht vor Hitler später in ihrer Familie ein Thema?
Peter Gray: Mein Vater hat nicht viel über Deutschland gesprochen. 1953 ist er nach Paderborn zurückgekommen. Damals gab es in der Stadt immer noch Antisemitismus und das hat er gemerkt. Es hat ihm nicht gefallen. Er hatte die Möglichkeit, später noch mal Paderborn zu besuchen, aber er hat es nicht getan. Seitdem hat sich viel in Deutschland geändert. Die neue Tafel an diesem Gebäude hinter uns erzählt die Wahrheit. Das ist für mich das Wichtigste. Ich empfinde es als Geschenk, dass die Volksbank sie angebracht hat.
Steve Gray: Mein Vater Fritz Walter Gray sprach immer sehr liebevoll von Paderborn. Er liebte die Stadt.
Nach allem, was geschehen ist?
Steve Gray: Darüber hat er nicht viel geredet. Er sprach mehr über die Zeiten vor der Machtergreifung der Nazis.
Tony Gray: Ich glaube, Paderborn ist immer die Heimat unseres Vaters geblieben. Wir hatten Kunst, Erinnerungsstücke und Abbildungen aus Paderborn an den Wänden in unserem Haus. So wurde Paderborn auch ein Stück von uns, den Kindern.
Leslie Byrd: Susanne Schwerin, meine Mutter, ist 96 Jahre alt. Sie ist als 11-jähriges Kind aus Deutschland geflohen. Vor etwa zwanzig Jahren war sie mehrmals in Paderborn. Sie ist sehr aufgeregt, weil ich jetzt hier bin. Sie schwärmt von dem Warenhaus, wie schön es sei. Dass es jetzt „Haus Grünebaum“ heißt, ist für sie sehr bewegend.

Bessere Zeiten: Mitglieder der Familie Grünebaum im Garten ihres Hauses an der Neuhäuser Straße: die Eltern Toni und Siegmund Grünebaum (Mitte) und von links ihre Kinder Marianne Schwerin mit Tochter Susanne, Fritz Walter Grünebaum, Erna Grünebaum und Junior Chef Ludwig Grünebaum.
Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn, Nachlass Naarmann
Ist dieses Gebäude immer noch „ihr“ Haus?
Peter Gray: Nicht mehr. Ich sage das ohne Bedauern und ohne Zorn. Es gab eine Vereinbarung mit der Erbengemeinschaft, die das Haus nach dem Krieg besaß. Es ist geschehen. Es liegt hinter uns. Irgendwann muss man akzeptieren, was ist. Es war ein Verlust. Aber man muss über Verluste hinwegkommen, sonst fressen sie einen auf. Wenn wir zurückblicken, ist da Trauer. Aber wir leben in der Gegenwart.Deutschland hat sich dazu bekannt, was es getan hat, und eine Kultur der Erinnerung geschaffen.
Tony Gray: Ich komme alle paar Jahre zurück nach Paderborn und ich komme wegen der Menschen hierher. Die Paderborner sind freundlich, offen und einladend.
Das erste Mal bin ich mit meinem Vater 1966 nach Paderborn gekommen. Damals hat er Leute aus seiner Kindheit wiedergetroffen. Wir sind gut aufgenommen worden. Das ist bis heute eine gute Erinnerung.
Leslie Byrd: Meine Mutter, Susanne Schwerin, hat sich nie wirklich von den Geschehnissen in den 1930er und 1940er Jahren erholt. Sie hat ein erfülltes und glückliches Leben geführt, aber die Ereignisse sind präsent geblieben.
Peter Gray: Heute morgen haben wir das Gebäude (weist auf das ehemalige Kaufhaus hinter ihm) besichtigt und damit ist für mich ein Traum wahrgeworden. Ich wollte wissen, was aus der Vergangenheit übrig geblieben ist. Das war ein Wunsch, den ich immer gehabt habe.
Was gefällt Ihnen an Paderborn am besten?
Leslie Byrd: Na, dieses Gebäude hier. (Sie weist auf Haus Grünebaum hinter ihr.) Ich habe mein ganzes Leben Geschichten über dieses Haus gehört. Das ist tief in mir.
Tony Gray: Mir gefällt alles: die schöne Stadt, die Landschaft, die Menschen. Jeder Kontakt mit den Leuten in den letzten Tagen war gut.
Peter Gray: Gestern haben wir den jüdischen Friedhof an der Universität besucht und danach in der Uni-Mensa gegessen. Das hat mir gut gefallen, vor allem wegen der Menschen, die ich dort gesehen habe. Junge Menschen aus vielen Nationen, von vielen Kontinenten, mit unterschiedlichen Sprachen. Das ist Integration. Das ist die Zukunft. Das ist ein anderes Deutschland.
Das Buch über die Geschichte der Familie Grünebaum ist in diesem Jahr neu erschienen. Autorin Margit Naarmann hatte vor zwanzig Jahren mit Zeitzeugen gesprochen und Quellen aufgespürt.
Jetzt hier erhältlich: TAKT-Verlag