Ein starker Hebel

Der Klimawandel lässt sich nicht aufhalten. Auch im scheinbar sicheren Westfalen drohen Stürme, Fluten, lange Trockenheiten. Die Menschen in den Dörfern und Städten sind diesen Veränderungen aber nicht wehrlos ausgesetzt. Sie können sich auf Klimaextreme vorbereiten und langfristig die Bedingungen vor Ort so zu verändern, dass weniger Klimagase ausgestoßen werden. Immer mehr Kommunen beschäftigen Klimaschutzmanager, bei denen diese Maßnahmen zusammenlaufen. Henning Schwarze in Schlangen ist einer von ihnen.

ES WIRD IMMER WÄRMER

Die „Warming Stripes“ stellen die mittlere Jahrestemperatur für einen bestimmten Ort dar, in diesem Fall für Schlangen. Die einzelnen Jahre werden als farbcodierte Streifen dargestellt, das kälteste Jahr erscheint dunkelblau, das wärmste dunkelrot. Die Häufung der roten Streifen spätestens seit dem Jahr 2000 ist unübersehbar. Für die Gemeinde Schlangen reicht die Spanne vom Minimum mit 6,7 °C Jahresdurchschnittstemperatur, das 1940 auftrat, bis zum Maximum von 11,24 °C, das 2024 erreicht wurde.
(Gemeinde Schlangen/Flüter; Grafik: Deutscher Wetterdienst, bearbeitet durch LANUV NRW)

Ende Dezember 2026 kündigte sich in Schlangen ein besorgniserregendes Ereignis an. Es regnete tagelang, in der Summe mehr als 100 Liter je Quadratmeter. Verteilt auf das Einzugsgebiet der drei Schlänger Bäche Strothe, Lange Tal und Emkental fiel eine Niederschlagssumme von etwa 2,8 Millionen Kubikmeter Wasser.

In der Umgebung der Strothe und des Schlänger Bachs drohten Überschwemmungen. Nur durch Sandsackdeiche und Öffnungen der Bachläufe zu Flutungsflächen konnte das Schlimmste vermieden werden. Unter den Helfern war damals Henning Schwarze, der Klimaschutzmanager der Gemeinde Schlangen. Er beobachtete die Ereignisse, um Erkenntnisse zu gewinnen, welche Auswirkungen ein Hochwasser in Schlangen hat und wie es vermieden oder wenigstens eingegrenzt werden kann.
Henning Schwarze ist seit 2022 in der Gemeinde Schlangen für den Klimaschutz zuständig und damit auch für die Vorbeugung vor Extremwettereignissen. Mittlere und kleine Kommunen stellen zunehmend Klimaschutzmanager wie ihn an. Die Pflichtaufgaben, die sich aus neuen Gesetzen der EU, von Bund und Land ergeben, sind ohne Fachleute kaum zu erfüllen.

Henning Schwarze, in Schlangen geboren und in Sichtweite des Rathauses lebend, bringt als Geograph die notwendigen Berufserfahrungen mit. Er hat als Berater für Umweltverträglichkeit und Ökosystem-Management unter anderem für die UNESCO gearbeitet.

In einer Zeit, in der sich die schlechten Nachrichten über Klima und Umwelt häufen, ist der Schlänger Klimaschutzmanager ein Hoffnungsträger. „Nachhaltigkeit muss die neue Normalität sein“, teilt er auf seiner privaten Internetseite mit. Auf dem Weg dahin seien die Kommunen, die Städte und Gemeinden, wichtig. Umweltschutz vor Ort, dort wo die Menschen leben, ist, so Schwarze, ein „großer Hebel“ für Veränderungen. „Hier kann man mit Klimaschutz noch richtig was erreichen.“

Die Niederschläge liegen in den vergangenen Jahren immer über dem langjährigen Mittel, das in der Graphik mit einer einer schwarzen Kurve dargestellt wird.
Abbildung: Gemeinde Schlangen

Schwammwälder und Kalamitätsflächen

Das Hochwasser im vergangenen Dezember und Januar ist verschiedenen Formen des Klimawandels geschuldet. Typisch war der Mix aus globalen und lokalen Ursachen. Zu den weltweiten Klimaveränderungen, die Schlangen betreffen, gehören die baumfreien Flächen im Teutoburger Wald, auf denen das Wasser nicht mehr in dem Maß wie früher versickert.

Die ergiebigen Regenfälle sind eine Folge der zunehmenden Wassertemperaturen in den Weltmeeren. Das Meerwasser verdunstet und kommt im Teutoburger Wald, dem ersten Mittelgebirge in Richtung Osten, als Regen nieder.

Gesunde Wälder reduzieren die Gefahren von Hochwasser. Eine Buche braucht bis zu 800 Liter Wasser am Tag, Nadelbäume noch mehr. Das schluckt einen großen Teil des Regens.

Noch wichtiger ist der Boden. Das Stichwort lautet „Schwammwald“. Der Boden in einem Schwammwald saugt sich mit den Niederschlägen voll, hält das Wasser zurück und gibt es nur nach und nach an tiefere Regionen ab. Voraussetzung ist ein gesunder Wald, mit Bäumen, die ihn mit ihren Wurzeln auflockern und so dem Wasser das Versickern erleichtern.

Doch die Wälder sind nicht mehr gesund, auch in Schlangen nicht. Die Gefahr ist mit dem bloßen Auge zu erkennen. Weite Waldflächen auf den Hängen und dem Kamm des Teutoburger Waldes sind Trockenphasen und einer Borkenkäferplage zum Opfer gefallen.

Diese „Kalamitätsflächen“, öde Kahlschläge, nehmen wesentlich weniger Niederschläge auf. Das Wasser fließt oberirdisch ab und schießt durch uralte Bachläufe und Bachtäler in die Ebene. Das Problem ist, dass die Menschen im Laufe der Siedlungsgeschichte diese Bachläufe oder Überschwemmungsflächen überbaut haben. Das Wasser, das unterirdisch vom Teutoburger Wald in verkarsteten Bodenschichten in Klüften, Höhlen und unterirdischen Wasserläufen abfließt, kommt mit einer Fließgeschwindigkeit von 500 Metern in der Stunde in Schlangen an.

Lokale Maßnahmen gegen Hochwasser

Dort stößt das Grundwasser auf eine geologische Barriere. Das Wasser legt ab hier nur noch einen halben Meter pro Tag zurück. Entsprechend groß ist der Rückstau – mit der Wirkung, dass das Grundwasser in Schlangen sehr hoch steht.

Wenn viel Regen fällt, ist nur wenig oder wie seit dem wasserreichen Jahr 2023 keine Aufnahmereserve mehr vorhanden. Der Schwamm ist voll. Regen in Schlangen kann nicht mehr versickern, das Grundwasser aus dem Teutoburger Wald drängt nach oben.

In Schlangen sind die Folgen an vielen Stellen zu besichtigen. Da gibt es Quellen, die es vorher nicht gab und die jetzt in feuchten Wiesen entspringen. Keller laufen voll. Häuser heben sich unter dem Wasserdruck. Es kommt zu Rissen im Bauwerk und Unterspülungen. Das ist doppelt ärgerlich, weil Versicherungen für Schäden durch Grundwasser nicht aufkommen.

„Die Probleme bleiben uns erhalten“, sagt Henning Schwarze über extreme Niederschläge und hohes Grundwasser. Seit 2022 liegen die jährlichen Niederschläge über dem statistischen Mittelwert. Das liegt am Weltklima, das sich zurzeit weiter verschlechtert und wenn, dann nur langfristig verbessert.

Doch das hohe Grundwasser hat auch lokale Ursachen. Sie können deshalb lokal eingeschränkt oder behoben werden, etwa durch gesunde Wälder, Aufforstung oder Dachbegrünung. Die Gemeinde berücksichtigt den erhöhten Grundwasserspiegel und die historischen Verläufe der Bäche in die Planung neuer Baugebiete.

Siedlungen wie die am „Finkenkrug“, die im Altlauf der Strothe liegen, würden heute wahrscheinlich nicht mehr so gebaut. Besondere Hochwassergefahr besteht in Kohlstädt, das in einem engen Tal mit Seitentälern liegt, in dem sich das schnell abfließende Wasser sammelt. „Eine Lage wie im Ahrtal“ meint Henning Schwarze. Auf entsprechende Notfälle müsse sich die Gemeinde vorbereiten.

Weil die klimafreundlichen Busse in Schlangen wegen Sparmaßnahmen weniger fahren, wird der Ausbau der klimafreundlichen Mobilität umso notwendiger. Vorrangig sollen die „Fahrrad-Mobiltäts-Achsen“ von Oesterholz und Kohlstädt in den Hauptort ausgebaut werden. Im Frühjahr soll die „Hauptachse“ des Fahrradverkehrs in der Paderborner und Kohlstädter Straße neue Markierungen erhalten, um deutlich zu machen, dass Radfahrer in diesem Bereich auf die Fahrbahn gehören.

Der Versuch, den Verkehr am Schulzentrum zu Unterrichtsbeginn zu reduzieren, gestaltet sich schwieriger als gedacht. „Die Pkw, mit denen Kinder zur Schule gebracht werden, gefährden die Verkehrssicherheit für andere Kinder“, sagt Henning Schwarze.

Wenn Kinder die Schule per Fahrrad oder zu Fuß erreichten, sei das nicht nur gut für die Gesundheit und Selbsterfahrung, sondern auch die Erfahrung der „Selbstmobilität“ – das Gefühl, aus eigener Kraft Dinge und Orte zu erreichen.

Doch diese Nachricht scheint bei einigen Eltern noch nicht angekommen zu sein. Das Fazit des Versuchs falle „vorwiegend ernüchternd aus“, kommentierte das Westfalen-Blatt Ende Januar.

Gewinne dank der erneuerbaren Energien

Die Einspeisemenge an erneuerbaren Energien steigt, während der Verbrauch sinkt. Entsprechend erhöht sich der Anteil Erneuerbarer Energie am Gesamtverbrauch.

Abbildung: Gemeinde Schlangen

Die besten Argumente für den Klimaschutz liefert die Gemeindeverwaltung selbst. In diesem Jahr erhalten alle Immobilien der Gemeinde Schlangen eine Photovoltaik-Anlage, die jeweils an einen Stromspeicher angeschlossen ist.

Die Anschaffung wird vom Land NRW großzügig mit 650.000 Euro finanziert. Schon nach einem Jahr haben sich die Investitionen amortisiert, hat Henning Schwarze ausgerechnet.

Schon heute produziert Schlangen vor allem mit der Windkraft mehr als das Doppelte des eigenen Stromverbrauchs, genau 225 Prozent des Eigenbedarfs. Wenn bereits geplante Windkraftanlagen noch 2025 den Betrieb aufnehmen, liegt dieser Wert bei 338 Prozent. So steht es im Klimadashboard auf der Webseite der Gemeinde Schlangen. Langfristig soll die Überversorgung mehr als 600 Prozent betragen, das Sechsfache dessen, was die Schlänger Haushalte und Unternehmen brauchen.

Aber die erneuerbaren Energien stoßen an Grenzen. Das dokumentiert die Auseinandersetzung um Windkraftanlagen (WKA) auf dem Kamm des Teutoburger Waldes. 2021 wurde die Planung für 13 Windkraftlangen auf einen 400 Hektar großen Fläche im Bereich Gauseköte bekannt.

Naturschutzverbände und der Lippische Heimatbund bezweifelten von Anfang an die Naturverträglichkeit des geplanten Windparks. Der Waldeigentümer wollte abgestorbene „Kalamitätsflächen“ im Wald durch die Windkraftanlagen aufwerten. Weitere WKA-Planungen kamen hinzu. Es war, als hätte eine Gesetzeslücke den Investoren das Tor zu einem Windkraft-Eldorado eröffnet.

Es war klar, dass die Gemeinde Schlangen erhebliche steuerliche Mehreinnahmen dank der Windkraft verbuchen würde. So war es nachvollziehbar, dass die Lokalpolitik sich offen zeigte. Es half, dass die Windinvestoren erkärten, in die Schlänger Bürgerstiftung einzahlen.

Dann machten die britischen Streitkräfte dem Windkraftboom einen Strich durch die Rechnung. Die Anlagen gefährdeten Hubschrauber, die den Truppenübungsplatz Senne anfliegen, wandte die Briten erfolgreich ein. Wälder waren eigentlich immer tabu für die Windkraft, auch nach einer Gesetzeslockerung 2019. WKAs wären auch dann auf der Gauseköte nur möglich, wenn sie anderswo nicht gebaut hätten werden könnten.

Mit dem im Januar 2025 vom Bundestag beschlossenen Gesetz „für mehr Steuerung und Akzeptanz“ der Windkraft und des neuen Regionalplan in Lippe gilt wieder ein Verbot für Windkraft im Wald. Ähnlich hat auch der Landtag NRW entschieden. Im zweiten Halbjahr 2025 tritt der Regionalplan OWL in Kraft, der die Entscheidung über Windvorrangflächen trifft.

Der Protest gegen Windkraft äußert sich vernehmlich. Eine Petition gegen den Ausbau der Windkraft im Wald haben mehr als 6.000 Menschen unterschrieben. Immerhin gehören die Wälder im Teutoburger Wald zu den wertvollsten in Westeuropa. Sie sind wichtige Schwammflächen und Einzugsgebiet für die Trinkwasserversorgung – ein „Hotspot der Biodiversität“, wie Henning Schwarze sagt.

Das sieht auch der Rat in Schlangen so. Mitte Februar lehnte das Lokalparlament einstimmig den Bau von Windkraftanlagen ab. Wie weit darf der Klimaschutz gehen und was ist wichtiger: Naturschutz oder erneuerbare Energien? Henning Schwarze ist klar: „Die Balance zwischen Klimaschutz und Naturschutz bleibt der Schlüssel zu einer langfristig tragfähigen Lösung.“

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